Jüdisches Leben in Lüneburg

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Geschichte des Friedhofs

Von ihrer Gründung 1680 bis in die 1820er Jahre konnte die Lüneburger jüdische Gemeinde ihre Toten nicht in Lüneburg bestatten. Die Stadt verwehrte ihr die Gründung eines eigenen Friedhofs. Die Mitglieder der Gemeinde mussten auf jüdische Friedhöfe in anderen Orten ausweichen, zumeist in Harburg, fast 50 Kilometer nordwestlich von Lüneburg gelegen.

Grabsteine von Simon und Sophie Salomon, Lüneburg ca. 1900; Jüdisches Museum Berlin, Schenkung von Annelise B.  Bunzel
Grabsteine von Simon und Sophie Salomon,
Lüneburg ca. 1900; Jüdisches Museum Berlin,
Schenkung von Annelise B. Bunzel

Erst 1823 gewährte der Lüneburger Magistrat der jüdischen Gemeinde das Recht auf einen eigenen Friedhof – weit vor den Toren der Stadt, bei der ehemaligen Tatterschanze (heute „Am Neuen Felde“). Soweit bisher bekannt, fand Anfang 1828 die erste Beisetzung statt: der Lehrer der Gemeinde Selig Leser wurde damals auf dem neuen Friedhof zu Grabe getragen. 

Mit der jüdischen Gemeinde wuchs in den kommenden Jahrzehnten auch der Friedhof. 1870 gab es fast vierzig Gräber, 1890 dann schon fast achtzig. Im Jahre 1895 ließ die Gemeinde den Friedhof deshalb zum ersten Mal erweitern. 1912 stifteten Moritz und Betty Jacobsohn eine Trauerhalle (Tahara-Haus), im Gedenken an ihren kurz zuvor verstorbenen Sohn Albert. Sie entstand nach Plänen des bekannten Lüneburger Architekten Franz Krüger.

Grabsteine von Theodor und Rosa Philipp, Lüneburg o.D.; Privatbesitz Familie Lustig
Grabsteine von Theodor und Rosa Philipp,
Lüneburg o.D.; Privatbesitz Familie Lustig
Grabmal Jacobsohn, Lüneburg ca. 1912; Museum Lüneburg, A 606
Grabmal Jacobsohn, Lüneburg ca. 1912;
Museum Lüneburg, A 606

1922, als der Friedhof fast 140 Gräber umfasste, gab es eine zweite Erweiterung. Wachsender Antisemitismus und Wirtschaftskrisen ließen die Gemeinde in den folgenden Jahre jedoch immer kleiner werden, sodass diese zusätzliche Fläche nie mit Gräbern belegt wurde.

Im Zuge der Novemberpogrome 1938 schändeten und zerstörten NS-Aktivisten erstmals Teile des jüdischen Friedhofs. 1939 wurde hier noch die Witwe Betty Dublon bestattet – es war die letzte Beisetzung auf dem Friedhof. Die Friedhofsfläche blieb intakt, die meisten Steine standen noch.

 Zerstörung des jüdischen Friedhofs, ca. 1943/44; Stadtarchiv Lüneburg, BS 7131
Zerstörung des jüdischen Friedhofs, ca. 1943/44;
Stadtarchiv Lüneburg, BS 7131

Ab 1942, parallel zur Deportation der letzten Lüneburger Juden, bemühte sich die Stadt Lüneburg um eine Übernahme des Friedhofsgeländes. Auf der nicht mit Gräbern belegten Erweiterungsfläche war zunächst der Bau von Reihenhäusern geplant. Die wachsende Wohnungsnot führte schließlich zum schnell umzusetzenden Bau eines Behelfsheims für Bombengeschädigte und vertriebene „Volksdeutsche“. Im Winter 1943/44 ließ der Stadtgarteninspektor Rößner zu diesem Zweck das ganze Friedhofsgelände radikal „säubern" und planieren. Fast alle Grabsteine wurden abgeräumt und vermutlich zur weiteren Verwertung verkauft. Die Trauerhalle wurde als Werkstatt und Lagerraum genutzt. Die letzten noch vorhandenen Grabsteine des jüdischen Friedhofs bildeten das Fundament des 1944 errichteten Doppel-Behelfsheims. Hier zogen Familien von Mitarbeitern des Stadtgartenamtes ein. Sie nutzten die Hälfte der früheren Begräbnisflächen als Gemüseland, die andere Hälfte diente dem Stadtgartenamt als Baumschule. Dies blieb auch nach Kriegsende so.

Die Mitglieder der neuen Lüneburger jüdischen Gemeinde, gegründet im Sommer 1945 von Überlebenden der Shoah im Sommer 1945, wussten zunächst nichts von dem Friedhof. Als sie im Juli 1947 auf den zerstörten Friedhof aufmerksam wurden, ließ die Stadt die früheren Begräbnisflächen wieder in Rasen umwandeln und die Trauerhalle räumen. Das Behelfsheim blieb, wurde jedoch vom Rest der Friedhofsfläche abgetrennt. Eigentümer des Grundstücks wurde 1952 die JTC (Jewish Trust Corporation), 1960 dann der Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen. 

 

 Zentraler Gedenkstein auf dem jüdischen Friedhof, Lüneburg o.D.; Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit  Lüneburg
Zentraler Gedenkstein auf dem jüdischen Friedhof, Lüneburg

Bis in die 1990er Jahre versuchte der Landesverband vergeblich, die Stadtverwaltung zu größerer Unterstützung bei der Pflege des Friedhofsgeländes zu bewegen. Anders als andere Städte sah sich Lüneburg lange nicht in der Verantwortung, den einst auf ihr Geheiß zerstörten Friedhof zu pflegen und ihn zu einem würdigen Ort des Gedenkens zu machen. Erst nachdem sich Angehörige von Lüneburger jüdischen Familien aus dem Ausland einschalteten, ließ man 1965 als ersten Schritt in Absprache mit dem Landesverband der jüdischen Gemeinden einen Gedenkstein errichten.

Als 1967 das Behelfsheim abgerissen wurde, wurden die darin als Fundament genutzten Grabsteine gesichert. Die Einzelteile blieben jedoch mehrere Jahre auf dem Grundstück und in der Trauerhalle liegen. Einzelne Bruchstücke von Grabsteinen, die in den 1960ern noch von Angehörigen identifiziert werden konnten, sind leider heute nicht mehr auffindbar. 

 

Zugewachsene Grabsteine, um 1974; Sammlung Manfred Göske, Museum Lüneburg
Zugewachsene Grabsteine, um 1974;
Sammlung Manfred Göske, Museum Lüneburg

1972 wurden 13 Grabsteine wieder aufgestellt, einige davon nur als Fragment. Da die Lage der ursprünglichen Grabstätten nicht mehr zu ermitteln war, standen sie in einer Reihe am Rande des ursprünglichen Bestattungsfeldes. Immer wieder wucherte das Gelände zu, Zäune und Tore verfielen. Die Stadt half trotz häufiger Anfragen des Landesverbands nur in Einzelfällen bei der Pflege. 

1989 wurde eine Erinnerungstafel an der Trauerhalle angebracht. Der Friedhof blieb trotzdem jahrzehntelang ein fast vergessener Ort, der sogar vielen Bewohnern der Stadt nicht bekannt war.

2022 begann die die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Lüneburg mit einem Projekt zur Sanierung der jahrzehntelang vernachlässigten Trauerhalle. Sie ist das letzte noch bestehende jüdische Gemeindegebäude in der Stadt. 2024 wurde der restaurierte und behutsam sanierte Bau dem Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen übergeben. Die Trauerhalle dient seitdem als Lern-, Begegnungs- und Erinnerungsort. 

Im Anschluss an die Sanierung der Trauerhalle wurde die gesamte Friedhofsfläche neugestaltet. Im Zentrum der früheren Bestattungsfläche stehen nun sechs Stelen mit Namen und Lebensdaten der hier Bestatteten. Ihre Grabstätten wurden zerstört, aber ihre Namen auf diese Weise bewahrt. 

Die noch vorhandenen Teile von historischen Grabsteinen wurden, soweit möglich, wieder zusammengefügt, sodass die wenigen erhaltenen Steine in ihrer ursprünglichen Gestalt aufgestellt werden konnten. Da der Ort der zugehörigen Grabstätten nicht zu ermitteln war, sind diese Grabsteine als Zeugnisse der unheilvollen Geschichte in einem Oval aufgestellt worden, dass durchschritten werden muss, um zu den Stelen der Namensbewahrung zu gelangen.

Zugleich kann dieser historische Ort seit 2026 auch wieder als jüdischer Friedhof genutzt werden, da der nordwestliche Teil des Geländes außerhalb des früheren Bestattungsbereichs liegt. Er bleibt künftigen Bestattungen vorbehalten.

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