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Joseph Melzer [*1907]

Geboren am 23.02.1907 in Kuty, Österreich-Ungarn (heute Ukraine), gestorben im Jahr 1984 in Darmstadt im Alter von 77 Jahren

Arbeitsstätte

Gärtnerei Wöhnecke

Buntenburg
Lüneburg

Wohnort

Gärtnerei Wöhnecke

Buntenburg
Lüneburg

Joseph Melzer wurde 1907 als erstes von drei Kindern in Kuty in Galizien geboren, das damals zu Österreich-Ungarn gehörte und eine sehr große und bedeutende jüdische Gemeinde hatte. Seine Eltern waren der Buchhalter Erich Melzer und dessen Frau Minna geb. Stein.

Nach dem Ersten Weltkrieg, als Kuty polnisch wurde, flohen viele Juden aus Galizien Richtung Westen. Joseph Melzers Vater ging Anfang 1919 zunächst nach Berlin, wo er Verwandte hatte. Joseph folgte ihm Ende 1919. Der Vater hatte sich jedoch in Berlin noch nicht etablieren können. Joseph Melzer kam deswegen in ein jüdisches Kinderheim in Berlin-Mitte. Nach zwei Jahren Volksschule musste er mit 14 Jahren anfangen, Geld zu verdienen.

In seinen Lebenserinnerungen schrieb Joseph Melzer viele Jahrzehnte später: "Ich wollte weiter lernen, womöglich studieren [...]. Aber mein Vater war der Ansicht, dass es bei den Juden zu viele Akademiker gäbe und ich lieber einen praktischen Beruf erlernen sollte, der zum Beispiel auch für Palästina brauchbar gewesen wäre. [...] Ein landwirtschaftlicher Beruf wäre nicht seine erste Wahl gewesen, aber er musste handeln und wandte sich deshalb an die Zionistische Vereinigung, an das Chaluz-Amt mit der Bitte, mir eine entsprechende Lehrstelle zu vermitteln. [...] Nicht einmal in Kuty hatte ich Kontakt zu Bauern und Landwirtschaft gehabt. Ich war ein Schtetlkind durch und durch."

Nach einem ersten Jahr in einer Gärtnerei in Fulda, wo Joseph Melzer von einer zionistischen Jugendgruppe betreut wurde, kam er Ende 1921 zu seiner zweiten Ausbildungsstation, der Gemüsegärtnerei Wöhnecke in Buntenburg nördlich von Lüneburg. Hier traf er auf zwei andere jüdische Jugendliche: den Praktikanten Sammy Lippmann aus Hamburg und die Auszubildende Sophie Nagler, die wie er aus Berlin kam. Offenbar war die Gärtnerei Wöhnecke in den frühen zwanziger Jahren ein beliebter Ort für jüdische Jugendliche, die (meist auf Wunsch ihrer Familien) sich durch eine gärtnerische Ausbildung auf eine spätere Auswanderung nach Palästina vorbereiten sollten - nach Joseph Melzer war dort z.B. auch noch Hans Benno Cohn aus Berlin beschäftigt. 

Joseph Melzer, dessen frühe Jugendjahre in Berlin durch Armut und Hunger geprägt gewesen waren, erinnerte sich später gern an seine Zeit in Buntenburg: "Das Leben bei den Wönneckes war im Vergleich zu Fulda ein Leben im Schlaraffenland. Zu essen gab es in Hülle und Fülle, in bester Qualität und in großer Auswahl. Geweckt wurde im Sommer um vier Uhr früh. zuerst mussten die Tiere, zwei Kühe und ein Pferd sowie drei Schweine, versorgt werden. Mir oblag es, die Kühe zu melken [...]. Danach musste das Pferd gestriegelt werden. Die Schweinefütterung war die Aufgabe von Frau Wönnecke. Edmund und ich misteten die Ställe aus. Vorher gab es aber noch das erste Frühstück, das man fast als frugal bezeichnen konnte. Es bestand aus "Blümchenkaffee", Brot und frischer Butter mit Konfitüre aus eigener Produktion. Das große, das zweite Frühstück wurde erst um zehn Uhr eingenommen. Ich traute meinen Augen kaum, als ich den gedeckten Tisch zum ersten Mal sah. Verschiedene Wurstsorten, Schinken, Speck, Käse, Butter, Milch, Kaffee, Eier und mehr. Ich staunte, als Herr Wönnecke zum Frühstück mehr Eier aß als meine Familie in einer ganzen Woche. Mir gingen die Augen über, denn so was hatte ich die letzten Jahre seit der Flucht aus Galizien nicht mehr gesehen, und selbst in Kuty hätte es so etwas nie gegeben, allein schon, weil die Hälfte der Produkte nicht koscher war. Ich griff zu, und Frau Wönnecke feuerte mich immer wieder an, doch mehr zu nehmen. [...] Erst bei den Wönneckes bin ich zu einem kräftigen jungen Mann herangewachsen."

In Lüneburg gab es zwar keine jüdische Jugendgruppe, aber dennoch existierte ein zionistisches Netzwerk, das sich um Joseph Melzer und die anderen jungen jüdischen Menschen kümmerte: "In Lüneburg lebte auch die Familie Levy. Edmund Levy war Bankdirektor und seine Frau Anna Levy eine aktive Zionistin, auch wenn sie nicht im Traum daran gedacht hätte, selbst nach Palästina auszuwandern. So lag es nahe, dass sie sich der "Chaluzim" in ihrer näheren Umgebung annahm und sie mütterlich betreute. Wochentags, auch am Samstag, hatten wir zu arbeiten, aber an Sonn- und Feiertagen waren wir stets einzeln oder zu zweit bei ihr zu Gast. Die Levys wohnten in einer vornehmen Wohngegend, wie es sich für einen Bankdirektor gehörte. Die Wohnung war geschmackvoll eingerichtet, es roch in allen Winkeln nach Wohlstand und Kultur. Man lud uns auch immer entweder zum Mittagessen oder zum Kaffee ein. Das Essen war vorzüglich, erlesen und wohlschmeckend, auch die Weine, obwohl ich damals noch keine Ahnung davon hatte und gerade noch zwischen Rotwein und Weißwein unterscheiden konnte. Aber ich spürte, dass der Wein gut sein musste."

Nach einem Jahr in Lüneburg schloss Joseph Melzer seine Ausbildung auf einem Hof bei Hameln ab. Hier wurde er Teil einer zionistischen Wandervogel-Jugendgruppe. Danach zog es ihn in die Welt, vor allem nach Frankreich und Italien. Zusammen mit vielen anderen jugendlichen "Wandervögeln" streifte er eine Weile durch Europa und sog begeistert immer mehr europäische Kultur und Literatur in sich auf.
 
Erst 1933 gelang ihm die Auswanderung nach Palästina, auf die er schon durch seine Lehre Anfang der 1920er vorbereitet worden war. In Tel Aviv eröffnete Joseph Melzer, der Zeit seines Lebens ein großer Bücherfreund war, seine erste Buchhandlung. Jedoch fühlte er sich in Palästina auf die Dauer nicht wohl, fremdelte auch zunehmend mit dem Zionismus. 1936 kehrte er nach Europa zurück und verbrachte einige glückliche Jahre als Buchhändler in Paris, als Teil einer wachsenden Gruppe von deutschen Emigranten.

Bei Kriegsausbruch 1939 hielt sich Joseph Melzer - der immer noch einen polnischen Pass hatte - in Warschau auf. Er geriet in sowjetische Gefangenschaft und wurde als angeblicher deutscher Spion zu zehn Jahren Straflager in Sibirien verurteilt. Nach dem Angriff Deutschlands auf die Sowjetunion im Juni 1941 wurde er wie alle Polen aus dem Gulag freigelassen und sollte nun in der polnischen Exilarmee auf Seiten der Sowjets kämpfen. Melzer gelang die Flucht. Es verschlug ihn schließlich nach Samarkand, in der Sowjetrepublik Usbekistan. Dort lebte er mehrere Jahre in großer Armut. In dieser Zeit heiratete er Marie Irkowski, ihr erstes Kind wurde noch in Samarkand geboren.

Der beginnende Kalte Krieg trieb die Familie - und mit ihnen viele andere osteuropäische "Displaced Persons" - erneut in die Flucht, dieses Mal nach Westen. 1947 erreichten die Melzers ein DP-Lager in Österreich. Dort wurde ihr zweites Kind geboren. 1948, kurz nach der Staatsgründung, wanderten sie nach Israel aus, wo ihr drittes Kind zur Welt kam. Joseph Melzer versuchte es erneut mit einer Buchhandlung, dieses Mal in Haifa.

Aber auch jetzt war sein Aufenthalt nicht von Dauer: 1958 zog die Familie von Israel nach Deutschland, nach Köln. Joseph Melzer gründete einen Verlag, der sich auf Judaica spezialisierte. Damit war ihm jedoch in der frühen Bundesrepublik kein dauerhafter Erfolg beschieden. In den siebziger Jahren musste er den Verlag aufgeben. In seinen letzten Lebensjahren baute er noch einmal ein Antiquariat auf. 1984 starb Joseph Melzer in Köln.

2021 gab sein Sohn Abraham Melzer aus dem Nachlass seines Vaters dessen Lebenserinnerungen heraus, unter dem Titel "Ich habe neun Leben gelebt." Darin fasste Joseph Melzer seine Biographie so zusammen: "Ich habe die Nazis erlebt, die Kommunisten überlebt, die Zionisten erduldet und den Sozialisten geholfen."


Quellen und Infos:

Zur Geschichte von Kuty

Joseph Melzer: "Ich habe neun Leben gelebt": Eine jüdische Geschichte im 20. Jahrhundert, Frankfurt am Main 2021 (teils online verfügbar über Google Books)

https://www.deutschlandfunk.de/joseph-melzer-ich-habe-neun-leben-gelebt-mein-vater-liebte-100.html

Dokumente aus den Arolsen Archives: Aufenthalt in BerlinDP-Lager

Namensvarianten: Josef