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bisher: Adolf Loebenberg [*1877] | Juda Katz [*1897]


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Gerson Stern [*1874]

Geboren am 07.07.1874 in Holzminden, gestorben am 15.01.1956 in Jerusalem im Alter von 82 Jahren

Arbeitsstätte

Gebrüder Heinemann, Textilwaren (ab 1815)
Firma Simon Heinemann, Bankgeschäft, Wollwaren, Manufacturwaren (1821-1901); Zweigniederlassung Hannoversche Bank, vormals Simon Heinemann (1901-1920);
Deutsche Bank (seit 1920)

Bardowicker Straße 6
Lüneburg

Gerson Stern kam 1874 in Holzminden zur Welt. Seine Eltern waren der Kaufmann Joel Stern aus Holzminden und dessen Frau Johanna geb. Kleestadt, die aus Ossendorf bei Köln stammte. Gerson Stern wuchs zunächst in Holzminden auf, ab 1884 dann in Elberfeld. Er wurde Kaufmann wie sein Vater, lernte und arbeitete an verschiedenen Orten im In- und Ausland. Zugleich fing er schon als junger Mann an zu schreiben und wurde später vor allem als Schriftsteller bekannt.

Um das Jahr 1894 herum wohnte Gerson Stern für anderthalb Jahre in Lüneburg. Er arbeitete im Bankhaus S. Heinemann und ließ sich dort speziell in der Buchhaltung ausbilden. Der junge Gerson Stern wurde vom damals 75-jährigen Marcus Heinemann gefördert, der noch zusammen mit seinen Brüdern das Bankhaus führte. Fast ein halbes Jahrhundert zuvor war Marcus Heinemann mit Gerson Sterns Großvater Hirsch Stern befreundet gewesen - die beiden waren u.a. 1851 gemeinsam zur ersten Weltausstellung nach London gereist.

Nach seiner Zeit in Lüneburg arbeitete Gerson Stern noch an anderen Stationen und kehrte dann nach Elberfeld zurück. Im Ersten Weltkrieg arbeitete er im Reichsernährungsamt in Berlin. Dort heiratete er 1917 Erna Schwarz, Tochter eines wohlhabenden Kaufmanns aus Metz. Nach dem Krieg zogen die beiden in den kleinen Ort Kiedrich im Rheingau und kauften dort einen Hof. 1920 wurde ihr Sohn Joel Harry geboren. Gerson Stern arbeitete zunächst als Kaufmann, angesichts seines schwachen Gesundheitszustands ab Anfang der 1930er Jahre zunehmend auch als Schriftsteller. Außerdem engagierten Gerson und Erna Stern sich in der jüdischen Gemeinde und in jüdischen Organisationen, organisierten Hauskonzerte und Begegnungen auf ihrem Hof.

Schon kurz nach dem Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft 1933 begann die Familie, ihre Auswanderung nach Palästina zu planen. 1934 erschien Gerson Sterns Roman "Weg ohne Ende", der eine tragische jüdische Familiengeschichte im 18. Jahrhundert erzählt. Das Buch war vor allem in den zunehmend von NS-Verfolgung betroffenen jüdischen Kreisen in Deutschland sehr erfolgreich und brachte Gerson Stern eine gewisse Bekanntheit.

Der Roman spielt zum Teil in Lüneburg, und eine der Lüneburger Figuren, Rebb Elieser, trägt ziemlich deutlich Züge von Marcus Heinemann. Gerson Stern beschreibt ihn so, wie er Marcus Heinemann möglicherweise aus den 1890ern als gütigen Patriarchen in Erinnerung hatte: "Rebb Elieser mochte in den fünfziger Jahren sein. Man war es gewohnt, daß er bei seinem wochentäglichen Spaziergang auf den Wällen Lüneburgs stehenblieb. Er stützte den Ellenbogen des rechten Armes auf seine linke Hand, und seine Finger spielten um sein Kinn. Die Juden, die dies sahen, wußten, daß irgendein neuer Gedanke über einen Spruch des Talmud oder des Midrasch geboren wurde. Denn Rebb Elieser war zuerst Gelehrter und dann Kaufmann. Er sagte von sich das Gegenteil und begründete dies so: Was sucht ein guter Kaufmann? Einen möglichst großen Nutzen. In dieser Welt bin ich ein paar Jahre. Aber in jener Welt, wie lange bin ich dort? Also will ich vor allem in jener Welt meinen Lohn haben."

1937 verkauften die Sterns ihr Haus in Kiedrich. Die Auswanderungspläne zogen sich in die Länge, Gerson Stern wurde wegen angeblicher Devisenvergehen zweimal verhaftet. Erst 1939 konnte die ganze Familie nach Palästina fliehen. Sie zog dort in den Jerusalemer Stadtteil Rechavia, der hauptsächlich von deutschsprachigen Einwanderern bewohnt wurde. Gerson und Erna Stern wurden Teil der deutsch-jüdischen intellektuellen Szene in Palästina.

1948 kam ihr Sohn Joel im Zuge des israelischen Unabhängigkeitskrieges auf tragische Weise ums Leben. 1956 starb Gerson Stern in Jerusalem, 1967 seine Witwe Erna Stern in Italien.

Im Nachkriegsdeutschland geriet Gerson Stern als Schrifsteller weitgehend in Vergessenheit. Jahrzehntelang war keines seiner Bücher im Buchhandel erhältlich. Erst 1999 wurde der Roman "Weg ohne Ende" in Deutschland wieder neu herausgebracht, von dem in Neuseeland lehrenden Germanisten Friedrich Voit.


Quellen und Infos:

Friedrich Voit, Gerson Stern, Berlin 2013, S. 23 und passim

Anke Westphal, Versuche einer Ortsbestimmung. Ein Porträt des jüdischen Schrifstellers Gerson Stern, in: taz, die tageszeitung vom 03.04.1992, https://taz.de/Versuche-einer-Ortsbestimmung/!1675488/

Graf Cratzischer Hof, Kiedrich - Drei Stolpesteine erinnern an die jüdische Familie Stern (Text von Manfred Hambrecht 2010), https://web.archive.org/web/20170306040504/http://kiedrich-geschichte.de/historische-zeugen/geb-25-graf-cratzischer-hof.html

Gerson Stern, Weg ohne Ende: Ein jüdischer Roman, Siegen 1999. Herausgegeben mit einem Nachwort und einem Glossar von Friedrich Voit, S. 82-96 und passim

Gerson Stern Archive, The National Library of Israel, https://www.nli.org.il/en/archives/NNL_ARCHIVE_AL990026906940205171/NLI

Gerson Stern Collection, Leo Baeck Institute, New York, https://archives.cjh.org/repositories/5/resources/6773

Namensvarianten: Gershon